Das Gefährlichste ist nicht das Böse.
Sondern der Raum, den wir ihm lassen.

Zum Wohle Aller

Zum Wohle Aller

Der Tod einer Ärztin in Basel scheint zunächst wie eine tragischer Einzelfall. Dr. Laura Neumann wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Alles deutet auf Suizid hin. Doch Kriminalkommissarin Lina Faber glaubt nicht an die einfache Erklärung. Zu vieles passt nicht zusammen.

Als Lina tiefer gräbt, stösst sie auf ein Netzwerk aus Macht, Geld und skrupelloser Ideologie. Was als Mordermittlung beginnt, führt sie zu geheimen Forschungsprojekten, verschwundenen Frauen und politischer Verflechtung. Und zu einer Wahrheit, die weit über Basel hinausreicht.

Je näher sie dem Kern kommt, desto klarer wird: Hier geht es nicht um ein einzelnes Verbrechen.
Sondern um ein System.

Gemeinsam mit Richard Kleiber folgt Lina einer Spur, die von den Strassen Basels über Brüssel und Lyon bis in die Schweizer Berge führt. Doch wer nach der Wahrheit sucht, gerät selbst ins Visier. Aus der Jagd nach einem Mörder wird ein Kampf ums Überleben.

Denn manche sind bereit, alles zu tun im Namen, einer höheren Ordnung und zum Wohle Aller.

Leseprobe

1

Der Anruf kam kurz vor sieben Uhr an diesem Montagmorgen. Es war der siebte November und es war typisches November-Wetter. Trüb und feucht. Keine zehn Minuten später traf die erste Streife der Kantonspolizei am Tatort ein. Die Wohnung an der Jurastrasse, im Gundeli, einem Basler Wohnquartier, wurde gesichert, frühe Passanten wurden gebeten weiterzugehen und erste Beamte der Tatortgruppe betraten die Wohnung.

Fotografien wurden gemacht und jede Menge Spuren gesichert. Man klingelte die Nachbarn heraus und befragte alle, die öffneten. Wenig später übernahm die Kriminalpolizei Basel-Stadt die Ermittlungen. Als Lina Faber vor Ort eintraf, war der Gerichtsmediziner bereits bei der Arbeit und jede Menge in weiss gekleidete Techniker wieselten in der Wohnung herum.

Lina hasste Montagmorgen. Blaulicht, schaler Kaffee in Pappbechern, die ersten Minuten am Tatort, wenn sich zu viele Menschen auf engem Raum bewegten und Routine langsam die Oberhand gewann.

Wenigstens hielt sich dieser Fall an die Bürozeiten, dachte sie sarkastisch. Die Dämmerung hatte sich noch nicht ganz gegen die Nacht durchgesetzt. Als Lina mit ihren hochhackigen Stiefeln aus dem Wagen kletterte, kroch die Kälte unter ihren Mantel. Es hatte geregnet, der Asphalt glänzte feucht, Pfützen sammelten sich auf der Strasse. Das Mehrfamilienhaus wirkte unscheinbar - ein sanierungsbedürftiger Altbau wie viele in diesem Quartier.

Ein Wagen der Forensik der Universität Basel stand im

Hof, daneben ein Streifenwagen. Die rotierenden Blaulichter zuckten über die abblätternden Fassaden und über die Gesichter der neugierigen Nachbarn in den Fenstern.

Am Eingang rauchte eine junge Polizistin nervös. Lina kannte sie von früheren Einsätzen - Annette, irgendetwas. Noch neu, noch begeistert, aber Lina wusste, das würde sich mit der Zeit ändern.

«Kommissarin Faber», sagte Lina, zeigte ihren Ausweis.

«Dritter Stock, links», sagte die Beamtin. «Die Kollegen sind schon oben.»

Die Polizistin schaute Lina kritisch hinterher, wie sie im Haus verschwand. Lina war im Kommissariat für ihre Kleidung, vor allem jedoch ihre Schuhe bekannt.

Kein Lift. Der Geruch von Desinfektions- oder Putzmitteln hing im Treppenhaus, vermischt mit altem Holz und etwas, das nach Stillstand roch. Fahrräder standen im Flur.

Wohnung 3B. Die Türe war offen. Ein uniformierter Beamter mit müden Augen stand davor. Lina zog die Überzüge über ihre Schuhe und trat ein.

Die Wohnung war ordentlich, spürbar von einer Frau eingerichtet. Im Flur ein Sideboard, daneben ein Schuhregal: Ballerinas, Turnschuhe, braune Stiefel mit Absatz. Praxisschuhe. Und ein Paar hohe schwarze Pumps, achtlos hingeworfen - oder erst kürzlich getragen?

Die Tatortgruppe arbeitete bereits. Fotos, Protokolle, Sicherung von Spuren. Routine.

In der Küche roch es nach Erbrochenem und etwas anderem. Lina begrüsste den Mediziner, der am Boden neben der Leiche kniete.

«Lina Faber, Kriminalpolizei Basel.»

«Dr. Stocker», sagte er und schaute auf. «Vertretung für

Dr. Horvath.»

Die Tote lag auf dem Boden, die Beine angezogen, der Kopf nach hinten gedrückt. Vor dem Mund Erbrochenes. Mitte dreissig, schlank, dunkelblondes Haar. Vollständig angezogen. Neben ihr ein Glas mit einer gräulichen Flüssigkeit, am Rand ein feiner Lippenstiftabdruck.

Erst beim zweiten Blick sah Lina die leeren Schachteln der Schlaftabletten. Lina lief durch die Wohnung und versuchte, den Kriminaltechnikern nicht im Weg herumzustehen.

Im Wohnzimmer suchte sie systematisch weiter. Jacken, Mäntel. In einer Tasche ein gefalteter Zettel: Viridis Biotechnologie S.A., Lyon. Barcode, Laborkürzel.

«Noch nie gehört», murmelte Lina und liess den Zettel als Beweismittel sichern.

Auf dem Beistelltisch lagen Anschlusskabel - das Notebook selbst fehlte. Das konnte verschiedene Gründe haben.

Sie machte sich eine gedankliche Notiz.

«Suizid?» fragte sie an den Arzt gewandt.

Dr. Stocker zuckte mit den Schultern und stand mühsam auf.

«Sieht so aus. Aber sicher wissen wir es erst nach der Obduktion. Einen Abschiedsbrief haben wir allerdings noch nicht gefunden.»

Im Bücherregal entdeckte Lina medizinische Fachliteratur, Politik, Philosophie, französische Romane. Sie schaute sich weiter um. Eine Agenda lag auf einem leeren Regal. Lina blätterte darin, bis sie auf das Datum des Vortages stiess.

6. November - Café Mick, 20:00 Uhr. Daneben eine kleine Zeichnung.

Sie hielt inne. «Das war gestern Abend.» Sie nahm ihr Handy und machte ein Bild davon.
In einem Ordner fand sie Lohnabrechnungen und Unterlagen einer Organisation namens Casa Nueva. Lina kannte diese Organisation dem Namen nach. Die NGO war bekannt für Hilfe für Randständige, medizinische Betreuung, Impfungen. Freiwilligenarbeit auf breiter Basis. Dem musste sie auch nachgehen.
Im Flur lag die Handtasche auf dem Sideboard. Das normale Sammelsurium einer Frauentasche. Sie besass offensichtlich kein Auto. Dafür hing ein Fahrradhelm an der Garderobe und ein brauner Mantel. Das Handy war schon sichergestellt und im Plastikbeutel.
Im Schlafzimmer war das Bett gemacht. Auf einem Sessel lagen einige Kleidungsstücke, sorgfältig zusammengelegt. Im Schrank hingen Kleider, daneben ordentlich gefaltete Jeans. Es roch angenehm und sauber. In der Kommode fand Lina Unterwäsche. Nichts Auffälliges - bis auf ein paar Dessous, die nicht hierher zu passen schienen. Nicht extravagant. Aber bewusst gewählt. Lina schloss die Kommode wieder.
Bevor Lina ging, blieb sie noch einmal stehen, einfach so aus einem Gefühl heraus und drehte sich nochmals um. In der Küche lag die Tote still da, die Tablettenpackungen und das Glas mit der Flüssigkeit hatte man schon eingepackt. Ansonsten war kein Chaos zu sehen und nichts deutete auf einen Kampf hin.
So sahen Fälle aus, die man schnell abschloss, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf.

ISBN: 9783819206368
Verlag: BoD