Das Konsortium

Was in der Vergangenheit geschah, sollte uns zu denken geben.
Dass wir so wenig daraus für die Gegenwart und die Zukunft gelernt haben, sollte uns erschrecken.

Das Konsortium

Ein tödlicher Lawinenunfall in den Schweizer Alpen. Ein vermisster Segler vor der Küste Norwegens. Ein Attentat in Spanien.

Nichts scheint diese Ereignisse miteinander zu verbinden.

Als die Basler Privatdetektivin Lina Faber die Hintergründe eines vermeintlichen Unglücks untersucht, stößt sie auf Spuren, die bis tief in die Vergangenheit reichen. Zur gleichen Zeit stößt Nicolas Delaroche, Sohn einer angesehenen Basler Privatbankiersfamilie, bei einer routinemässigen Überprüfung auf rätselhafte Transaktionen, deren Spur tief in die Archive der eigenen Bank führt.

Was beide zunächst für Zufälle halten, entwickelt sich zu einem Wettlauf gegen eine unsichtbare Macht. Ihre Nachforschungen führen von Basel über Spanien bis nach Schottland und wieder zurück – verfolgt von Menschen, die bereit sind, für ein jahrzehntealtes Geheimnis über Leichen zu gehen.

Je näher Lina und Nicolas der Wahrheit kommen, desto mehr erkennen sie, dass die Todesfälle kein Zufall sind. Jemand folgt ihren Spuren und setzt alles daran, eine Wahrheit zu verbergen, die auch heute noch Existenzen zerstören könnte.

Nicht alles, was einst geschah, bleibt in der Vergangenheit. Manches drängt zurück in die Gegenwart – und fordert seinen Tribut.

Leseprobe

Prolog

Ein milder Herbsttag. Die Sonne stand hoch. Zwischen den Häusern hielt sich die Wärme des Tages.
Der Mann kam zu Fuss. In der rechten Hand hielt er eine lederne Aktentasche. Der Inhalt, da war er über-zeugt, wartete seit bald vierzig Jahren darauf, veröffentlicht zu werden.
Die gepflasterte Strasse war eher schmal und führte leicht ansteigend durch das alte Basler Quartier. Geschlossene Häuserfronten mit grossen Eingangsportalen, kleine Vorgärten. Im Westen das Spalentor, und etwas nördlich lag die Universität.
Er blieb vor einem gepflegten Haus stehen. Vier Stockwerke hoch mit heller Fassade. Das Haus stammte vermutlich aus dem 18. Jahrhundert. Neben dem ein-drucksvollen Portal war eine kleine bronzene Tafel an-gebracht. Darauf stand der Name eines Verlages.
Ein kurzer Blick über die Schulter, dann stieg er die wenigen Stufen hinauf und zog an der altertümlichen Klingel.
Die Türe öffnete sich kurz darauf.
Eine Frau mittleren Alters stand vor ihm. Schlank, Brille, klassisch gekleidet, der oberste Knopf der Bluse offen. Der Blick kühl und professionell.
Der ältere Mann lächelte leicht und neigte den Kopf respektvoll.
„Mein Name ist Sommer. Erich Sommer. Ich habe ei-nen Termin um 13.30 Uhr bei Herrn Eggenberger.“
Sie musterte ihn kurz, dann nickte sie distanziert.
„Ja, natürlich. Bitte kommen Sie rein.“
Sie trat zur Seite. Er ging an ihr vorbei in den Flur. Ein leichter Geruch von Holz und alten Büchern lag in der Luft.
„Bitte warten Sie hier. Herr Eggenberger kommt gleich.“
Nach wenigen Minuten erschien ein Mann am Emp-fang. Mit ausgestreckter Hand schritt er auf Sommer zu.
„Eggenberger, Verlagsleiter. Wie Ihnen meine Assis-tentin sicherlich schon am Telefon mitgeteilt hat, bin ich etwas unter Zeitdruck“, sagte er und lief voraus.
„Aber Ihr Auszug machte mich neugierig, deshalb wollte ich Sie unbedingt sehen.“
Eggenberger führte Sommer in ein Sitzungszimmer. Dort setzten sie sich an einen langen Tisch.
Sommer nahm eine schmale Mappe aus der Aktenta-sche und legte sie vor sich hin. Deckblatt nach unten.
Er öffnete sie nicht.
„Wie Sie gemerkt haben, schreibe ich keine Geschich-te im klassischen Sinn“, sagte er ruhig und fuhr dann fort:
„Ich habe etwas niedergeschrieben, von dem ich denke, dass es für die Öffentlichkeit wichtig ist.
Die ersten zwei Kapitel habe ich Ihnen schon ge-schickt.“
Ein flüchtiges Lächeln von Eggenberger.
„Es sind ja keine Memoiren?“
„Was denken Sie darüber?“, entgegnete Sommer und schaute Eggenberger aus den Augenwinkeln scharf an.
„Ich kenne den Namen der Bank und ich kenne die Familie. Aber viel haben Sie im Manuskript bis jetzt nicht offengelegt.“
Sommer legte die Hand auf die Mappe.
„Es betrifft Dinge, die nie hätten passieren dürfen.“
Eggenberger schwieg. Solche Sätze kannte er. Zu oft hatte er sie schon gehört.
„Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Bank …“
Er brach ab und fragte:
„Warum zu mir?“
Sommer hob den Blick.
„Weil Ihr Verlag der Richtige ist, so etwas zu veröffentlichen.“
Eggenberger war einer der wenigen Verleger, denen man Unabhängigkeit nachsagte.
Sommer öffnete die Mappe und holte ein Dokument heraus.
Eggenberger beugte sich leicht vor.
Er sah dicht beschriebene Seiten.
„Ist es das, was ich schon gelesen habe?“
„Nein“, erwiderte Sommer, „das hier enthält mehr Details.“
Eggenberger streckte die Hand aus, um das Dokument zu sich zu ziehen.
„Darf ich?“Sommer nickte und Eggenberger zog es zu sich. Dann überflog er die erste Seite.
Der Name einer bekannten Basler Privatbank sprang ihm ins Auge und fesselte sofort seine Aufmerksamkeit.
Eggenberger las weiter.
Er verstand nicht alles. Aber genug, um zu erkennen, dass er diese Geschichte hier unbedingt verifizieren musste, trotz Verschwiegenheitsvereinbarung.
„Und das wollen Sie wirklich veröffentlichen?“
„Es wird ohnehin an die Öffentlichkeit kommen. Ein Teil ist bereits bekannt. Mächtigen Leuten hat diese Ge-schichte schon Karrieren beendet.“
Eggenberger sah ihn fragend an, aber Sommer blieb stumm.
Eggenberger überflog die Seiten erneut. Dabei strich er sich nachdenklich über das Kinn.
„Ist das verifiziert?“
Der Mann gegenüber nickte und lächelte dabei.
„Das ist kein Stoff, den man einfach so …“
Eggenberger beendete den Satz nicht.
Sommer stand auf und nickte selbstsicher.
„Ja, das ist so.“
Dann fügte er hinzu:
„Verifizieren Sie. Sie werden überrascht sein.“
Eggenberger sah überrascht hoch.
„Sie gehen schon?“
„Sie haben gesagt, Sie haben nicht viel Zeit.“
Sommer liess die Mappe mit dem Dokument auf dem Tisch liegen.
„Behalten Sie das.“
Eggenberger blieb sitzen, die Augen auf die Mappe gerichtet.
„Wann bekomme ich den Rest?“
„Zu gegebener Zeit.“
Sommer verabschiedete sich und liess einen ratlosen Verlagsleiter zurück.
Kurze Zeit später hörte er, wie die Türe leise ins Schloss fiel.
Eggenberger blieb sitzen. Normalerweise war er es, der Gespräche führte. Die Selbstsicherheit des Besuchers hatte ihn aus dem Konzept gebracht.
Er zog die Mappe zu sich.
Zögerte.
Dann öffnete er sie wieder.
Langsamer diesmal.
Es waren die Kapitel drei und vier. Viel konnte er da-raus noch nicht ableiten, aber er spürte sehr deutlich, wie sich etwas Bedrohliches zusammenbraute.
Achtziger Jahre.
Diese Bank.
Internationales Umfeld und es schien um sehr viel Geld zu gehen.
Er schloss die Mappe, stand auf und ging in sein Büro.
Der Name liess ihn nicht los, weil die Bank Delaroche & Cie. AG zu den Banken gehörte, über die man in Basel keine Fragen stellte.
Wenn nun aber jemand genau über diese Bank ein Buch schrieb, konnte daraus ein Skandal entstehen, auch wenn er noch keine Details kannte.
„Das muss ich unbedingt verifizieren“, dachte er, machte sich eine entsprechende Notiz auf einen Klebe-zettel und legte ihn aufs Manuskript.
Dann griff er nach seinem Handy und suchte die Nummer eines alten Bekannten aus der Bankenwelt.
Jemand, der solche Dinge einordnen konnte.
Er wählte.
Es klingelte.
„Ja?“
„Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte Eggenberger. „Ich habe hier etwas, das ich nicht ganz einordnen kann.“
„Worum geht es?“
Eggenberger sah auf die Mappe.
Dann sagte er:
„Die Bank Delaroche ist Dir ja sicher ein Begriff, oder?“
Am anderen Ende entstand eine Stille. Dann antwortete eine lächelnde Stimme:
„Sicher. Aber warum fragst Du?“
Eggenberger lächelte leicht.
„Ich habe heute den ersten Teil eines Manuskriptes bekommen.“
Er schilderte knapp, was ihm geblieben war und was er guten Gewissens erzählen konnte.
Der Mann am anderen Ende hörte schweigend zu.

„Ich rufe dich zurück“, sagte die Stimme ruhig, als Eggenberger fertig erzählt hatte.
Dann wurde die Verbindung getrennt.
Eggenberger blieb stehen.
Mit dem Handy noch in der Hand ging sein Blick zur Mappe.
Dann blickte er zum Fenster.
Er wusste nicht, was er gerade in Gang gesetzt hatte.


Zur gleichen Zeit, an einem anderen Ort in Basel, wurde das Telefon auch aufgelegt.
Ein Mann stand am Fenster und sah auf die Strasse hinunter. Seine Hand lag noch auf dem Hörer.
Er überlegte.
Wog ab.
Und traf eine Entscheidung.
Er öffnete den Safe und zog einen schmalen braunen Ordner hervor.
Er blätterte kurz darin, blieb bei einigen vergilbten Seiten hängen und nickte kaum merklich. Dann wählte er eine Nummer, die er darin gefunden hatte.
Noch vor wenigen Wochen hätte er nicht geglaubt, diese Nummer jemals wählen zu müssen.

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